Entstehung

Georg F. Brückner "Vater des Kickboxens"

*30.01.1930      +30.12.1992

Der Tod, ob wir ihn erfahren oder nur die Angst davor?

Ein Freund stirbt, und uns, die wir Ihn liebten macht die Todesbotschaft fassungslos. Sein Tod, mit dem so schnell niemand gerechnet hatte, ließ uns erkennen, wie unwiderruflich unser Leben ist - unwiderruflich im Gedächtnis der Lebenden.

Als Georg F. Brückner damals starb, hatte mich das zutiefst erschüttert. Damit war nicht nur ein Freund und Zeitgenosse von uns gegangen, sondern ein Mensch der für den Kickboxsport lebte. Ich persönlich habe Georg F. Brückner 1980 in London kennen und schätzen gelernt. In seinem Handeln war er stets darum bemüht den Kickboxsport nach vorne zu bringen, auch wenn er dafür aus verschiedenen Richtungen immer wieder heftig attackiert worden ist. Er überzeugte durch Aufrichtigkeit und Solidarität, wo andere durch Lautstärke und Ablenkungsmanöver versuchten zu beeinflussen. Selbst im Erfolg zeichnete Ihn eine dankbare Bescheidenheit aus. Weniger dachte er an persönlichen Ruhm und Reichtum, als an die selbstlose Unterstützung eine gute und sichere Schutzausrüstung herzustellen, um "Seinen Sport" noch attraktiver und sicherer zu machen. Dies begründete und festigte auch über die Landesgrenzen hinaus seinen noch wachsenden Ruhm.

Die ganze Tiefe und Größe seines Lebenswerkes wird sich erst in Zukunft würdigen lassen. Doch schon jetzt kann festgestellt werden, dass es ohne Ihn und seinen unermüdlichen Einsatz, das Kickboxen in dieser Form in Europa nicht geben würde. Selbst in den letzten Jahren, als er sich seiner Krankheit schon bewusst war, ließ er es sich nicht nehmen für den Kickboxsport tätig zu sein. Ich hatte Ihn zuletzt kurz vor seinem Tod bei einem Nationalmannschaftslehrgang in Köln gesprochen und er war wie immer voller Ideen das Kickboxen weiter nach vorne zu bringen.

Durch seine Leistung als "Vater des Kickboxens" hat Georg F. Brückner bereits heute einen Anspruch darauf einen Platz unter den Persönlichleiten des Sports unserer Gegenwart.

"Ein tiefer Schmerz bohrt sich in unsere Seele. Die Erinnerung aber spendet den Trost, einen aufrichtigen Freund erlebt zu haben. Ich bin stolz darauf Georg F. Brückner gekannt zu haben und bedauere all diejenigen, die Ihn immer falsch einschätzten"

Im Namen seiner vielen Freunde auf der ganzen Welt und auf das man Ihn nie vergessen möge

Werner Soßna ( WAKO-Weltvizepräsent und Trainer KBC Höchstadt)


Die Geschichte der WAKO


1974
Bei einem kurzen Winterurlaub in Accapulco berieten Mike Anderson und Georg F. Brückner die Idee einer
weltweiten Revolution........
John Rhee hatte die ersten Safety's entwickelt. Er realisierte damit die Idee von Bruce Lee, dem legendären Superstar der Kung Fu Filmgeschichte, der die Zukunft der fernöstlichen Kampfsysteme nicht weiter in den traditionellen Auffassungen philosophischer Weisheiten sah, sondern in der wachsenden Realität zum echten sportlichen Wettkampf. Und das hieß zu dieser Zeit Wettkämpfe mit Schutzausrüstungen.
Weg von der Theorie weltfremder Philosophien zur Praxis, zur Wirklichkeit. "No dry land swimming", keine Trockenschwimmkurse mehr, denn eine Theorie, die in der Praxis nicht funktioniert, ist nur ein künstliches Gebilde. Treffen sollen, aber nicht treffen dürfen, die geballte Kraft Millimeter vor dem Ziel stoppen, das konnte nur theoretisch gut gehen, niemals jedoch in der nicht kalkulierbaren Bewegung zweier Kontrahenten.

Also Wettkämpfe mit Schutzausrüstungen. Und dies ganz besonders, weil die Karateturniere nicht nur in den USA, trotz Nullkontakt oder kontrolliertem Kontakt, das Blut gebrochener Nasen und Platzwunden in Strömen fließen ließ, von ausgeschlagenen Zähnen und gebrochenen Rippen gar nicht zu reden.
Die ersten Safety's wurden natürlich von vielen nicht nur skeptisch betrachtet, sondern von der großen Mehrheit kategorisch abgelehnt. Viele sahen in den Safety's den Untergang der traditionellen Systeme, die Verwässerung der sauberen Technik, die Vergewaltigung der geistigen Überlieferung. Dass die traditionellen Stile damals auch erst wenige Jahrzehnte alt waren und erst nach dem 2. Weltkrieg in die USA und Ende der 50er Jahre nach Europa kamen, waren keine Argumente.

So berechtigt und verständlich die fernöstlichen Systeme nach dem Krieg die Welt eroberten als hohe Kunst der Selbstverteidigung mit dem Nimbus tödlicher Techniken und dem Anstrich geheimnisvoller Kenntnisse, die allen Anhängern eine Überlegenheit vermitteln würde, von denen kein Mensch nur träumen kann, so berechtigt war auch die neue Idee und Entwicklung einer modernen Version dieser Kampfarten mit Schutzausrüstungen.
Überzeugt und begeistert beschlossen Mike Anderson und Georg F. Brückner, dieses Experiment, das sich bei wenigen Wettkämpfen bereits als positiv, lebendiger und vor allem als ungefährlicher herausstellte, auch in Europa vorzustellen und dynamisch nach vorn zu treiben. Auch hier spielten natürlich tief greifende Erlebnisse eine große Rolle. Die maßlose Arroganz der Asiaten in den USA und Europa, die Selbstherrlichkeit der so genannten Großmeister, die Verlogenheit, Intrigen und Ausbeuterei hatten in diesen Jahren zu großen Enttäuschungen geführt, die nie wieder gutzumachen waren. Freiheit statt Unterdrückung, Selbstverwirklichung statt Kadavergehorsam. Die Entdeckung, was nun wirklich hinter diesen unglaublichen Techniken steckt, und eine sportliche Entwicklung mit einem lebendigen natürlichen System, das war verlockend, ein wahres Abenteuer.

Wie fängt man ein neues Kapitel Weltgeschichte an? Natürlich mit einer Weltmeisterschaft in den USA, in Los Angeles, in dem Land, wo die Freiheit Berge versetzen kann. So flogen die beiden von Mexiko nach Kalifornien, und Mike Anderson mietete die imposante "Sports Arena", eine Halle, die 13 000 Zuschauer fasst. Und jetzt war Europa am Zuge. Georg F. Brückner lud alle Sportler, die er kannte und von denen er gehört hatte, im Mai nach Berlin zum ersten europäischen Turnier aller Stile ein. Nach amerikanischem Muster und Regeln traten am 17. Mai 1974 in der Deutschlandhalle 88 Schwarzgurte zu diesem Experiment in die Arena. Linda Lee, die Frau des damals noch nicht lange verstorbenen Idols Bruce Lee, Jhon Rhee, Erfinder der ersten Safety's, Koreaner wie Park Jong Soo, Rhee Ki Ha, Japaner wie Hidy Ochiai, Takayuki Mikami, Fumio Demura und die seinerzeit bereits berühmtesten Amerikaner wie Bill Wallace, Joe Lewis, Jeff Smith, Howard Jackson, Jim Butin, Al und Malia Dacascos und viele andere mehr, waren zugegen und leiteten das europäische Turnier. In 4 Gewichtsklassen wurden die Sieger ermittelt, die dann zur Weltmeisterschaft nach Los Angeles eingeladen wurden. Aber zuvor bestritten sie am Abend in der mit über 7 000 Zuschauern besetzten Halle im Rahmen eines an vielen Attraktionen reichen Show-Programms einen Vergleichskampf gegen die Superstars aus den USA.

Dies war der absolute Höhepunkt, den Europa bis dahin je gesehen hatte. Hier zeigten die Amerikaner die seinerzeit unfassbare Überlegenheit ihres Könnens, neben dem jeder Meister der traditionellen Systeme verblasste. Mit einer unvergleichbaren artistischen Beweglichkeit und Eleganz, mit hoher Ästhetik, mit einer unglaublichen Vielseitigkeit, blitzschnell und treffsicher zeigten sie ein Feuerwerk dynamisch kontrollierter Explosionskraft, die alle verblüffte und in Spannung versetzte. Die US-Boys trugen hierzu die ersten Safety's und konnten deshalb natürlich alle Register ihres Könnens ziehen. Die mutigen Europäer, die ahnten, dass sie nur wenig Chancen hatten, konnten es kaum begreifen, wie sie förmlich deklassiert wurden. Das Publikum war begeistert. Es raste und jubelte. Diese Show war grandios und überzeugend, das war Karate als Sport, eine neue Dimension, der Anfang einer neuen Epoche Im September wurde dann die erste Weltmeisterschaft in der "Sports Arena" von Los Angeles durchgeführt. Die Halle war bis auf den letzten Platz gefüllt, alle harrten gespannter Dinge, die sich jetzt an diesem Abend ereignen sollten.

Fullcontact. Zum ersten Mal in der Geschichte der fernöstlichen Kampfkünste gab es ein WM-Turnier mit vollem Kontakt. Die Spannung war riesengroß. Würde es den Kämpfern nützen, dass sie den neuen Hand- und Fußschutz trugen, würden die Techniken, die im Ernstfall so tödlich sein konnten, hier bei der Probe aufs Exempel nicht eine Katastrophe auslösen? Über 100 der bekanntesten Schauspieler Hollywoods säumten den Ring. Alles, was Rang und Namen hatte, war an diesem Abend in der Halle, um Zeuge des größten Spektakels aller Zeiten zu werden. Dieses Ereignis wurde von der Fernsehanstalt ABC sogar live übertragen.

Furiose Fights tobten auf dem Podium, dass den Zuschauern der Atem stockte. Härte und Siegeswillen erfasste die Kämpfer. Ramon Smith aus San Domingo schlug den Hochfavorisierten Amerikaner Howard Jackson. Isaias Duenas, der Stier von Mexiko, erteilte Frank Knittel, Berlin, eine Horrorlektion. Bernd Grothe, Berlin, musste trotz eines beherzten Kampfes die klare Überlegenheit eines Bill Wallace zur Kenntnis nehmen. Budimir Vejnovic, Berlin, erlebte das Land der Träume gegen Jeff Smith und Franc Brodar, ebenfalls Berlin, musste angeschlagen gegen den ungestümen Joe Lewis vorzeitig aufgeben. Auch Wally Slocki und Daniel Richee aus Kanada, Ramon Smith, der einzige Koreaner Byu und der Japaner Ryu Kenji hatten keine Chancen. Die strahlenden Sieger dieser ersten Weltmeisterschaft im Vollkontakt waren Isaias Duenas aus Mexiko sowie Bill Wallace, Jeff Smith und Joe Lewis aus den USA. Sie konnten eine Siegprämie von je 3 000 Dollar einstecken.

Fazit: Trotz vieler, vieler Niederschläge gab es zur Verblüffung aller Anwesenden keine Verletzungen. Der Bann war gebrochen, die Zukunft konnte beginnen, Fullcontact war geboren.
Bereits 2 Wochen nach dieser Veranstaltung wurde die PKA (Professional Karate Assoziation) von Mike Anderson und Don Quine in Los Angeles gegründet. Die Europäer konnten da natürlich noch nicht weiter mithalten. Sie waren für solche Aufgaben noch lange nicht reif. Aber es sollte weitergehen.

1975
Voller Zuversicht und überaus begeistert beriet Georg F. Brückner mit vielen Kollegen aus Europa, wie es weitergehen sollte. Natürlich hatten sich die beiden Ereignisse des Jahres 1974 überall in Europa herumgesprochen und großes Interesse geweckt. Also wurde im September wieder in Berlin das zweite Turnier in Europa veranstaltet. Diesmal konnten jedoch alle Teilnehmer mit den neuen Safety's kämpfen.
400 Kämpfer aus mehreren europäischen Ländern waren der Einladung gefolgt. Die Deutschlandhalle glich einem wahren Schlachtfeld, als die Kämpfer erbittert um Punkte und Siege stritten. Eine Delegation aus Frankreich war angereist, um diese Entwicklung zu studieren. Allen voran der Karate-König Dominique Valera. "Das ist kein Karate mehr", war sein Kommentar, und alle gaben ihm recht. Dies war in der Tat etwas völlig Neues, etwas Anderes. So frei und unbekümmert hatte in Europa noch nie jemand gekämpft. Auch die Teilnahme von Taekwondo- und Kung Fu-Sportlern gaben diesem Wettkampf eine eigene Note. Die Karatekas sahen Techniken, die sie bisher nicht einmal kannten. Eine gute Mischung aus allen Stilen nach dem Vorbild der USA. Jeder spürte, hier bahnt sich ein neuer Weg an, eine Art zu kämpfen, die Farbe in den Wettkampf brachte.

Hinter den Kulissen, im Sport-Studio von Georg F. Brückner, wollte Valera herausfinden, welche Chancen er wohl in dieser neuen Kampfart gegen gute Leute hätte. Bill Wallace erklärte sich bereit, mit ihm ein Sparringsmatch zu bestreiten. Nach 10 Minuten musste der sonst so sieggewohnte Franzose erkennen, dass er gegen einen Superstar aus den USA, gegen Bill Wallace, nicht die Spur einer Chance hatte. 20 Jahre Karate und als absoluter Spitzenkämpfer auf der Welt erlebte er ein Waterloo. Dieses Erlebnis sollte schnelle Folgen haben.

Ein großer Tag in Berlin ging zu Ende, doch zum Abschluss gab es für die Europäer einen weiteren Höhepunkt und Meilenstein: Den ersten Fullcontact-Kampf über 8 Runden. Ramiro Guzmann aus Mexiko kämpfte gegen Gordon Franks aus den USA. Ein herrliches Schauspiel. Zwei glänzende Techniker boten Runde für Runde den neuen Sport aus den USA. Kampf und Ästhetik zeichneten dieses Duell aus, eine echte Werbung für Vollkontakt. Jeder konnte sich überzeugen, dass mit einer guten Schutzausrüstung die Gefahren von Verletzungen gebannt waren. Eine Sternstunde für Europa.

1976
Während in den USA die ersten Profi-Kämpfe ausgetragen wurden, überlegte man, wie in Europa Anschluss an diese enorme Entwicklung der USA gefunden werden kann. Dominique Valera ging für mehrere Monate nach Amerika und trainierte zusammen mit Bill Wallace. Der Herausgeber des französischen Karate-Journals, Jean D. Nouailhac, äußerte in Accapulco bei einem internen Meeting, an dem Jhon Rhee, Mike Anderson und auch Georg F. Brückner teilnahmen, den Wunsch, diese neue Sportart zu fördern und in Paris einen Vollkontakt- Vergleichskampf zwischen Nordamerika und Europa zu veranstalten. Mike Anderson übernahm die Vorbereitungen in den USA und Georg F. Brückner in Europa. Im Frühjahr wurde in Gelsenkirchen ein europäisches Ausscheidungsturnier veranstaltet. Die Sieger erhielten zur Belohnung die Reise nach Paris. Es war erstaunlich, wie viele Sportler den Schritt zum Vollkontakt wagten, aber der Wille allein macht es noch nicht. Für die Europäer war das Neuland. Im Vertrauen auf ihr Können und ohne zu wissen, wie man sich im Vollkontakt vorbereiten muss, scheiterten fast alle Kämpfer an der konditionellen Voraussetzung. Hier wurde offenbar, dass man mit normalem Karate- oder Taekwondo-Training nicht bestehen konnte.

Am 25. März fand im vollbesetzten "Palais des Sports" der erste Teamkampf zwischen Nordamerika und Europa statt. Für Europa gingen an den Start: Lan Ung Kim, Giuseppe Cosantino und Arno Koschnik, alle drei aus Düsseldorf, Jörg Schmidt, Berlin, Dieter Herdel, Landau und Kunibert Back aus Rauenberg. Für die Nordamerika-Mannschaft starteten Ramiro Guzmann und Isaias Duenas, Mexiko, Gordon Franks, Jeff Smith und Bill Wallace, USA und als Gast unter den Meistern Dominique Valera, Frankreich. Warum war Valera im Team aus Übersee? Darüber gab es viele Meinungen. Diese sollen hier jedoch nicht erörtert werden.

Natürlich waren die Europäer hoffnungslos unterlegen. Wie sollten sie auch diesen Entwicklungsrückstand in so kurzer Zeit wettmachen. Überragend war jedoch die Leistung von Jörg Schmidt, Berlin, einem Brückner-Schützling, der entsprechend vorbereitet wurde. Er bot dem Stier von Mexiko bis in die 3. Runde einen Kampf, der die Zuschauer von den Stühlen riss. Leider musste diese Partie wegen eines Nasenbeinbruchs vorzeitig abgebrochen werden, sonst hätte Jörg Schmidt wahrscheinlich eine Sensation vollbringen können. Dank der soliden Einstellung führte Schmidt bis zum Abbruch sogar klar nach Punkten und setzte den Weltmeister unter Beifallsstürmen mit klassischen Fegern sogar mehrmals auf den Boden. Valera konnte trotz einer 7monatigen Vorbereitung in den USA nur einen schwachen Eindruck hinterlassen. Er gewann gegen Kunibert Back durch k. o. im Nachschlagen nach einem Trennkommando. Normalerweise wäre er sofort disqualifiziert worden, aber damals liefen die Uhren noch anders.

In Paris wurde die erste Konzeption zur Gründung eines Weltverbandes erörtert. Wiederum waren es Anderson und Brückner, die einen Entwurf mit Regeln vorgelegt hatten, der allerdings in dieser Form noch nicht akzeptiert wurde. Man war sich jedoch einig, dass es höchste Zeit wurde, die ganze Sache mit Eile voranzutreiben.

1977
Im Februar wurde in Berlin dann endlich der Weltverband, die WAKO - World All-Style Karate Organization - gegründet. Gleichzeitig wurde auch der Deutsche Verband, die WAKO-Germany, ins Leben gerufen. Damit begann ein breiter Wettbewerb im Leicht- und Vollkontakt mit den ersten Deutschen- und Europameisterschaften. Auf europäischer Ebene gab es 2 Vollkontaktturniere in Rotterdam und Wien. Beide Ergebnisse zusammenaddiert ergaben die erste Europameisterschaft. Im ersten Turnier dominierten die Holländer, da sie mit der Gruppe von Tom Harrink, die schon längere Zeit Vollkontakt Thaiboxen praktizierte, echte Vorteile gegenüber allen anderen hatte, die sich gerade erst mit dem Vollkontakt vertraut machten. Doch schon beim zweiten Turnier in Wien wendete sich das Blatt ganz entschieden. Die Deutschen holten mächtig auf und waren seit dieser Zeit bei allen internationalen Meisterschaften ernstzunehmende Kämpfer.

1978
Das zweite Lebensjahr der WAKO zeigte eine Aktivität, die fast über alle Kräfte ging. In Deutschland gab es im Vollkontakt 3 Ranglistenturniere, und zwar in Hamm, Esslingen und Wolfsburg; im Leichtkontakt gab es 2 Ranglistenturniere (in Duisburg und Wolfsburg) und in 4 Gruppen regionale Meisterschaften.
Im Mai wurde die 2. Europameisterschaft in Wolfsburg ausgetragen, diesmal im Leicht- und Vollkontakt. Diese Meisterschaft wurde ein wahrer Triumph für Deutschland. Vermutlich hat es in keinem anderen Land eine solche Begeisterung und entsprechende Wettbewerbe gegeben. Georg F. Brückner war wie immer die treibende Kraft, die hinter allem stand. Es war sein Ehrgeiz, möglichst schnell an die großartigen Leistungen der USA anzuknüpfen.

Nach diesem überwältigenden Erfolg gingen unsere Sportler glänzend vorbereitet in die 1. Weltmeisterschaft, die in der Berliner Deutschlandhalle stattfand. Jetzt sollte sich zeigen, wie die Europäer nach nur 2 Jahren gegen die USA abschneiden würden. Jetzt war endlich eine Chancengleichheit gegeben, denn die Superstars aus den USA waren ja inzwischen alle Profis. Ob die Durchschnittsamerikaner auch so gut waren, sollte jetzt festgestellt werden.

Am 5. November war es dann endlich so weit. In der Berliner Deutschlandhalle konnten über 8 000 begeisterte Zuschauer Vollkontakt der Weltklasse erleben, garniert mit vielen hochkarätigen Demonstrationen. Als erstem deutschen Kickboxer gelang es dem Darmstädter Peter Harbrecht, einen Weltmeistertitel zu erringen. Doch auch Tom Rissmann und Dirk Peter, beide aus Berlin, waren mit dem Titel von Vizeweltmeistern nahe am Ziel. Darüber hinaus gab es noch 2 Bronzemedaillen. Heinz Klupp aus Erding und Bernd Eggert aus Berlin sorgten für eine große Gesamtleistung unserer Kämpfer. Der damals erst 18jährige Michael Kuhr konnte sogar seinen ersten Kampf gewinnen. Den Abschluss dieses hektischen Jahres bildete ein Europa-Cup in Basel.

1979
Auch in diesem Jahr gab es noch eine Europa- und Weltmeisterschaft. Die intensive Arbeit in Deutschland wurde nach den unerwarteten aber verdienten Erfolgen des Vorjahres mit großer Begeisterung fortgesetzt. Bei der 2. Europameisterschaft in Mailand konnte Deutschland erneut seine Stärke eindrucksvoll unterstreichen.

Mit gesundem Selbstvertrauen ging es im Herbst nach Florida/USA zur 2. Weltmeisterschaft. Alle waren gespannt, wie die Amerikaner im eigenen Land auftreten würden. Würden die Europäer und vor allem die Deutschen überhaupt ein Wort mitzureden haben? Es herrschte jedenfalls eine gute Stimmung bei allen Teams. Baden am Golf von Mexiko, trainieren im weißen Korallensand bei herrlichem Wetter, das allein war schon ein großes Erlebnis. Und dann kam die Riesenüberraschung. Die Amerikaner erlebten einen Alptraum. Wenn sie geglaubt hatten, sie könnten eine solche Meisterschaft im eigenen Land mit der linken Hand gewinnen, dann hatten sie sich gründlich getäuscht. Die Europäer waren in einer Superform, so dass den Amerikanern zu guter Letzt nur eine Goldmedaille blieb.

Nach dieser 2. Weltmeisterschaft war klar, dass es eine Vormachtstellung der USA nicht gab. Hier zeigte sich deutlich, was in der Gegenwart in vielen Ländern Europas und vor allem in Deutschland heute ebenfalls eingetreten ist, nämlich eine Zersplitterung des Sports in unzählige Gruppen. Neben der PKA machte auch eine WKA von sich reden, die durch einige Kämpfe mit Benny Urquidez in Japan Ansehen gewann. Diese Profiunternehmen von Privatleuten, die nie einen Verband darstellten, sondern nur geschäftstüchtige Vermarkter waren, versuchten mit Fernsehverträgen Kämpfer zu ködern und überall auf der Welt an Boden zu gewinnen. Dadurch fühlten sich diverse Möchtegern-Sportler magisch angezogen, die aus der Zweitklassigkeit eine Aufwertung witterten und in Europa ebenfalls einen so genannten Profizirkus ins Leben riefen. Dies wurde bis heute nur zu einem Teilerfolg, denn die meisten Kämpfer waren reine Anfänger ohne jegliche Erfahrung, die das geplante Niveau naturgemäß nicht erreichen konnten.

Auch die WAKO erlebte eine tief greifende Krise. Selbstherrlichkeit und Egoismus führten zu Manipulationen der Statuten der demokratisch angelegten WAKO. Machtkämpfe wurden ausgetragen, die durch Mitglieder Unterstützung fanden, die immer in der 2. Reihe standen. Dies führte 1984 zu einer Eskalation und 1985 zum Bruch in zwei Lager. Hätte es nicht ein Verbandsmitglied gegeben, der sich ohne jeden Auftrag des Deutschen Verbandes international bei der Gegenbewegung als neuer Vertreter für unser Land ausgab, es wäre nicht zum Bruch gekommen, denn ohne Deutschland hätte es keine WAKO-Europa gegeben.

Der alte Original-Verband führte seine Existenz weiter. Alle Bemühungen, die unterschiedlichen Auffassungen auszudiskutieren, scheiterten an neuen Postenjägern, die nun endlich einmal aus dem Schattendasein ans Licht der großen Bedeutung kamen. So gab es 1985 zwei Weltmeisterschaften, die eine in Budapest, wo Deutschland nur mit einer zweitklassigen Garnitur der Abtrünnigen und auch die USA nur mit einigen unbedeutenden Sportlern antrat. Die andere, die Original-Gruppe, führte ihre Weltmeisterschaft wieder in London durch, die aufgrund der unüberbrückbaren Ansichten in der Äußerst knappen Zeit von nur 2 Monaten vorbereitet werden musste. Hier waren jedenfalls die besten und stärksten Nationen, die USA und Deutschland, repräsentativ vertreten. In der Folge trug die Original-WAKO 1986 in Athen ihre Europameisterschaften aus und der andere Verband seine Meisterschaften für Vollkontakt in Paris und für Leichtkontakt in Hamburg. Während die Original-WAKO in großer Harmonie weitermachte, kam es sowohl in Paris als auch in Hamburg zu Auseinandersetzungen infolge vieler unqualifizierter Funktionäre. Dies war der Zeitpunkt, wo den führenden Persönlichkeiten klar wurde, dass die Spaltung kein Gewinn sondern nur ein Verlust war. In einigen fruchtbaren Gesprächen einigten sich die Parteien, die Zukunft wieder gemeinsam zu gestalten. Während die Original-WAKO einstimmig diesen Weg begrüßte, tat sich die andere Seite schwer. Die Wiedervereinigung hat stattgefunden. Einige der Spalter sind nicht mehr dabei. Die Münchener Weltmeisterschaft präsentiert also die WAKO wie in alten Zeiten. Nicht nur die interne Gemeinschaft. Sie ist auch der Ausgangspunkt der Koordination mit vielen von ihren Geschäftemachern missbrauchten und enttäuschten Profis zu einem einheitlichen großen Weltverband für Amateure und Professionals. Dies könnte ein weiterer Meilenstein in der jungen Geschichte des Kickboxens sein. Vernunft und Leistung, eine Konzentration der Kräfte, eine dringende Anerkennung durch den DSB und die Medien. Dies wären die Voraussetzungen für eine Zukunftsentwicklung, die unserem Sport das lange verdiente Ansehen sichern könnte. Und dazu könnte jeder beitragen; jeder, der es wirklich ernst meint.

Es ist höchste Zeit, endlich mit weiteren Zersplitterungen aufzuhören. Es geht um den Sport und die Sportler. Es geht um ehrliche Titel bereits auf unterster Ebene. Alle, die meinen, einen eigenen Verband führen zu müssen, sollten ihre Kräfte in einer Organisation vereinen und hier beweisen, wie ehrlich sie unseren Sport wirklich lieben. In einer Demokratie ist für alle Platz.

Quelle: Programmheft 5.WM 1987 München